FWI-Positionspapier Versorgungssicherheit Wolfram
1. Bedeutung der Werkzeugindustrie und von Wolfram
Die europäische Werkzeugindustrie stellt Hartmetallwerkzeuge wie beispielsweise Frässtifte, Bohrer, Schneid- und Präzisionswerkzeuge sowie HSS-Werkzeuge her. Diese Produkte ermöglichen industrielle Produktion in Maschinenbau, Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Halbleiterfertigung, Medizintechnik, Energieanlagenbau, Bauwirtschaft und weiteren Sektoren.
Wolfram ist dafür unverzichtbar: als Wolframcarbid in Hartmetallwerkzeugen und als Legierungselement in bestimmten Hochgeschwindigkeitsstählen (HSS). Die aktuelle Preislage gefährdet die Kostenbasis europäischer Hersteller unmittelbar.
2. Ausgangslage: Preis und Wettbewerbsdruck
Die Preise für Wolfram- Vorprodukte sind in Europa innerhalb von zwölf Monaten massiv gestiegen. Als Referenz dient APT 88,5 % WO ₃, ein zentraler Zwischenstoff der Wolfram und wichtiger Indikator für Wertschöpfungskette und wichtiger Indikator für Wolframcarbid, Wolframpulver und Hartmetallprodukte.
Im Zeitraum Mai 2025 bis Mai 2026 stieg laut öffentlich zugänglicher indikativer Daten der APT Preis in China von rund 380 US$/mtu auf rund 2.286 US$/mtu. In Europa/Rotterdam stieg er von rund 400 US$/mtu auf rund 2.694 US$/mtu. Seit Frühjahr 2026 zeigt sich damit eine deutliche europäische Knappheits- und Risikoprämie; im Mai 2026 lag Rotterdam rund 18 % über dem chinesischen FOB-Preis.1
Markt // Mai 2025 // Mai 2026 // Veränderung
China FOB // ca. 380 US$/mtu //ca. 2.286 US$/mtu //ca. +500 %
Europa / Rotterdam //ca. 400 US$/mtu //ca. 2.694 US$/mtu //ca. +570 %
Die aktuelle Wolframpreiskrise ist damit nicht nur ein Rohstoffproblem, sondern ein Wettbewerbsfähigkeitsproblem. Wenn Wolfram in Europa dauerhaft teurer und schwerer verfügbar ist als in China und gleichzeitig fertige Hartmetallprodukte ohne ausreichende handelspolitische Prüfung in den EU-Markt gelangen, droht eine Verlagerung der Wertschöpfung aus Europa.
3. Bewertung der CRMA-Revision
Der Fachverband Werkzeugindustrie begrüßt die Revision des Critical Raw Materials Act grundsätzlich.2 Die EU muss strategische Rohstoffe wie Wolfram sichern, Recycling stärken, Abhängigkeiten reduzieren und europäische Wertschöpfungsketten widerstandsfähiger machen. Die Sicherstellung der Versorgungssicherheit sollte dabei aus Sicht der Werkzeugindustrie oberste Priorität haben, gerade vor dem Hintergrund der fehlenden Substitutionsmöglichkeit von Wolfram-Vorprodukten.
Die Revision darf jedoch nicht zu zusätzlichen bürokratischen Belastungen für produzierende Unternehmen führen. Versorgungssicherheit entsteht durch verfügbare Rohstoffe, wettbewerbsfähige Preise, strategische Partnerschaften, Recyclingkapazitäten und faire Handelsbedingungen - nicht primär durch neue Berichtspflichten.
Wir unterstützen die Linie branchenähnlicher Industrieverbände: Versorgungssicherheit ja, aber verhältnismäßig, praxistauglich und ohne staatliche Detailvorgaben für Einkaufsstrategien.
4. Unsere Forderungen
A. Wolframversorgung für die Werkzeugproduktion in Europa sichern
- Wolfram im Rahmen des CRMA und des European Critical Raw Materials Centre als prioritäres Industriematerial behandeln.
- Monitoring von Wolfram, APT, Wolframcarbid, Wolframpulver, HSS-relevanten Wolframlegierungen und Hartmetallschrott etablieren.
- Strategische Projekte für Gewinnung, Verarbeitung und Recycling von Wolfram beschleunigt
unterstützen. - Rohstoffpartnerschaften mit verlässlichen Drittstaaten und Finanzierung für europäische Wolfram- und Hartmetall-Recyclingkapazitäten ausbauen.
B. Faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber fertigen Hartmetallimporten herstellen
- Einfuhren fertiger Hartmetallprodukte aus China und anderen Drittstaaten systematisch überwachen.
- Prüfen, ob gedumpte oder subventionierte Importe europäische Werkzeughersteller schädigen.
- Antidumping- und Antisubventionsmaßnahmen auf fertige Hartmetallprodukte prüfen, sofern Markt- und Schadensdaten dies rechtfertigen.
- Mögliche Umgehungseffekte bestehender Zölle auf Wolframcarbid durch Import fertiger Produkte prüfen.
- Strategische Bedeutung europäischer Werkzeugproduktion bei handelspolitischen Entscheidungen stärker berücksichtigen.
C. Exportrestriktionen für wolframhaltige Recyclingware einführen
- Systematisches EU-Monitoring der Exporte wolframhaltiger Recyclingware in Drittstaaten.
- Einführung gezielter Exportrestriktionen, Genehmigungs- oder Notifizierungspflichten für strategisch relevante wolframhaltige Sekundärrohstoffe.
- Vorrang für die Rückführung dieser Materialien in europäische Wolfram-, Hartmetall- und HSS-Wertschöpfungsketten.
- Ausgestaltung der Maßnahmen verhältnismäßig und rechtssicher, um Versorgungssicherheit wirksam zu stärken.
5. Fazit
Die europäische Werkzeugindustrie ist ein unverzichtbarer Schlüsselzulieferer industrieller Wertschöpfung. Ohne Hartmetall- und HSS-Werkzeuge können viele strategische Industrien in Europa nicht produzieren.
Die CRMA-Revision muss drei Ziele verbinden: Verfügbarkeit von Wolfram für europäische Produktion sichern, faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber importierten fertigen Hartmetallprodukten herstellen und Exportrestriktionen für wolframhaltige Recyclingware einführen.
Wenn diese Balance nicht gelingt, drohen steigende Kosten, Verlust von Wettbewerbsfähigkeit und eine Verlagerung von Werkzeugproduktion in das Nicht EU-Ausland. Das würde Europas industrielle Resilienz schwächen und strategische Abhängigkeiten weiter erhöhen.
1 Preisangaben basieren auf öffentlich zitierten Marktdaten zu APT 88,5 % WO₃ FOB China und Rotterdam/Europa, u. a.
Fastmarkets-Benchmarkbeschreibung, FerroAlloyNet, Reuters/Mining.com und ScrapMonster/ISE.
2 COM(2025) 946 final
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